Liebe Patienten,

ich habe diese Zeilen am 30.12.2020 geschrieben. Vor mir liegt die aktuelle Ausgabe der GN. Auf der ersten Seite sticht eine große Aufnahme ins Auge die zeigt wie sich der Leiter des hiesigen Gesundheitsamtes Dr. Vogelsang impfen lässt. Beim Betrachten dieses Bildes klingen mir immer wieder folgende Aussagen die wir mit stupider Boshaftigkeit an jedem Montag seit 10 Monaten in den Nachrichten ertragen mussten ins Ohr: … erfahrungsgemäß sind die übermittelten Zahlen (der Coronaneuinfektionen) vom Wochenende montags immer niedriger, weil nicht alle Gesundheitsämter ihre Daten am Wochenende übermitteln (können??).

Ich will das nicht weiter kommentieren. In Anbetracht der lächerlich geringen Impfdosen hatte ich doch ein komisches Gefühl als ich lesen musste, dass für den Leiter des Gesundheitsamtes eine Dosis abgezweigt werden konnte. Es stellt sich mir nur die Frage, warum bereits vor einigen Wochen in Windeseile sog. Impfzentren aus den Boden gestampft werden mussten die aller Voraussicht nach nicht vor Ende Januar 2021 in Betrieb genommen werden können. Aber auf ein paar Millionen Steuergelder mehr oder weniger kommt es wohl nicht mehr an. Hauptsache man hat der Bevölkerung gezeigt: Wir tun etwas!

Wenn man sich anschaut wie die Impfungen ablaufen sollen fällt einem nur ein  typisch Deutsch: bürokratisch, Zeit- und Kostenintensiv und zudem ineffektiv und realitätsfremd. Selbst wenn wir genügend Impfstoff bekommen sollten dauert es viel zu lange bis wir die sog. Herdenimmunität erreichen können.  Der Alleswisser Lauterbach schätzt dass es mindestens bis zum Sommer braucht. Ja geht’s denn noch. Das dauert viel zu lange. Bis dahin werden tausende vielleicht sogar zigtausende Menschen an oder mit Corona versterben. Können wir nicht einmal in einer solch dramatischen Situation unsere deutsche Gründlichkeit hinten anstellen? Klar es wird sicher Komplikationen vielleicht sogar mit tödlichem Ausgang nach Impfungen geben. Aber diese Todesfälle werden im Vergleich zu den Zahlen die uns erwarten  wenn wir nicht zügig handeln verschwindend gering sein.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir nur über die Impfungen und eine hoffentlich resultierende Herdenimmunität eine Chance haben die Pandemie in den Griff zu bekommen. Deshalb meine dringliche Bitte an Sie: lassen Sie sich so schnell impfen wie es geht. Ich bin auch kein Freund dieser Methode aber es ist jetzt nicht die Zeit für Diskussionen und Einstellungen mit weltanschaulichem Hintergrund. Wenn wir es nicht für uns tun – dann doch bitte für die jüngeren Generationen um ihnen ein ähnlich sorgenfreieres Leben zu ermöglichen wie wir es über viele Jahre gehabt haben.

Meine Hoffnungen ruhen auf alternativen Impfstoffen die problemlos von ihren Hausärztinnen und Hausärzten verabreicht werden können. Die kennen ihre Patienten und deren Krankenakte und können ohnehin am besten beurteilen, ob Sie impffähig sind oder nicht.

Noch etwas zum Pfizer-Biontech Impfstoff. Da wusste man schon seit Monaten um die Problematik der Kältekette. Hätte man den Herstellern geeigneter Kühlaggregate eine Chance gegeben sie in ausreichendem Maße zu produzieren, hätten wir ein solches Element in jeder Klinik oder Krankenhaus aufstellen können und von dort die Hausärzte versorgen können. Das hätte einen Bruchteil von dem gekostet was wir für die Impfzentren hingeblättert haben. Wie war das noch Frau Merkel? Hätte, hätte Fahrradkette ..

Ich habe bereits im letzten Praxis-Intern geschrieben dass die Lock-down-Strategie der Politik nicht funktionieren wird. Leider habe ich Recht behalten. Ich habe angekündigt Ihnen noch die Gründe dafür nachzuliefern. Das werde ich gemäß den Worten von Altkanzler Konrad Adenauer: „was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ nicht tun. Ich glaube einfach Sie sind schon verunsichert genug und haben die vielen Meinungen der sog. Experten ohnehin satt. Da muss ich nicht noch nachlegen.

Eine kleine Anekdote möchte ich noch loswerden die sich vor über 25 Jahren abgespielt hat. Damals war ich noch für den Medizinischen Dienst in Niedersachsen tätig. Das Thema war Amalgam und die Forderung der damaligen niedersächsischen Gesundheitsministerin Monika Griefhahn (die Grünen) war das Amalgam innerhalb von 2 Jahren aus den Mundhöhlen aller Patienten wegen der hohen Infektionsgefahr zu entfernen. Der niedersächsische Landtag hatte damals den MDK um eine Stellungnahme aus zahnärztlicher Sicht gebeten. Sie ahnen schon was kommt: ein paar Wochen später stand ich am Rednerpult vor den Abgeordneten. Etwas weich in den Knien mit leicht schweißigen Händen. Dabei war die Aufgabe eher leicht. Ich musste den Zuhörerinnen und Zuhörern nur klar machen das grob geschätzt in deutschen Mündern über 500 Millionen Amalgamfüllungen sind und das es für die knapp 70000 Zahnärztinnen und Zahnärzte völlig unmöglich sei diese in 2 Jahren zu entfernen, selbst wenn sie nichts anderes täten als nur diese Aufgabe zu erfüllen und alle anderen Versorgungen nicht stattfinden würden.

Die schlaue Zwischenfrage eines wackeren Abgeordneten wie die Patienten denn alternativ zu versorgen seien und was das kosten würde kam mir gerade recht. Damals gab es im Seitenzahnbereich nur die Alternative mit Goldinlays oder prothetischen Rekonstruktionen (Kronen oder Teilkronen) als Versorgungsvariante. Als ich zu den Kosten kam war die Sache eigentlich schon erledigt.

Was will ich damit sagen: unsere Politikerinnen und Politiker meinen es nicht schlecht mit uns. Sie neigen nur leider dazu häufig über Dinge zu reden und zu entscheiden von denen Sie wenig bis gar keine Ahnung haben. Da scheint es auch in den Beraterteams nicht immer zum Besten bestellt zu sein.

Ich habe mich damals nach der o.g. Sitzung noch kurz mit dem damaligen Ministerpräsidenten Albrecht – übrigens der Vater von Ursula an der Leyen – unterhalten. Mit Bezug auf die Sinnhaftigkeit der Forderung seiner Kollegin Griefhahn waren wir übereinstimmend der Meinung dass für die Zulassung zu einem Hochschulstudium welcher Art auch immer eine abgeschlossene Berufsausbildung sehr sinnvoll wäre. Der Elektriker kann Medizin studieren, der Automechaniker kann Lehrer werden, welche Kombination auch immer. Hauptsache man hat einmal mitbekommen was wirklich läuft in dieser Welt. Das gilt damals wie heute. Und ich bin sicher dann wäre vieles besser und einfacher.

So: nun bin ich am Ende. Neues in der Praxis gibt es nicht. Wir sind alle gesund und nach wie vor nicht systemrelevant.

Bei Werder läuft es besser. Hoffentlich bleibt das so. Ich muss ehrlich sagen  mir fehlt das Weserstadion, die Atmosphäre von 42500 Zuschauern, die Werder Curry-Wurst und der Ärger über die vergebenen Torchancen.  Ich kann mir zur Zeit nicht vorstellen, dass ich das in 2021 wieder erleben werde.

Aber Sie wissen ja: die Hoffnung stirbt zuletzt.

Bleiben Sie gesund und bitte lassen Sie sich impfen.

Ihr Dirk Schlieper

Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen, und wer sie aufzuheben versteht hat ein Vermögen
(Jean Anouich)