Liebe Patienten,

es hat sich viel getan auf dem Coronaschlachtfeld. Die Serie Pleiten, Pech und Pannen scheint ein Dauerbrenner und eine ernsthafte Konkurrenz für die Lindenstraße zu werden.

Beispiel gefällig: Frau Merkels faux pas mit den zusätzlichen Feiertagen an Ostern. Ihre Beraterinnen und Berater scheinen Hochkaräter zu sein.

Das Possenspiel von Laschet und Söder war auch nicht schlecht. Frau Baerbock wird es ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Nachdem Impfen, Impfen, Impfen ja nicht geklappt hat soll  Testen, Testen, Testen die richtige Lösung sein. Auf einmal sind sogar Selbsttest als Mittel der Wahl geeignet. Ich bekomme jeden Tag mindestens 2 Faxe und 5 Mails mit Angeboten für solche Tests. Der billigste war übrigens für unter 3,00 EUR zu haben. Der Haken war: bei einer Mindestabnahme von 20.000   Stück. Alles natürlich nur gegen  Vorkasse. Aber da haben sich unsere Spitzenpolitiker ja abgesichert. Die Kosten der Superidee tragen die Arbeitgeber. Einfach nur genial Frau Merkel. Mir fällt dazu nur ein Schwachsinn, Schwachsinn, Schwachsinn. Damit lasse ich es gut sein.

Was fehlt sind Konzepte für die mögliche Rückkehr in so etwas wie Normalität. Wir hören immer noch gebetsmühlenartig die gleichen Kommentare in den Nachrichtensendungen zu Beginn der Woche. Die Zahlen sind unter Vorbehalt zu bewerten, weil die Gesundheitsämter ..bla–bla-bla. Realität ist leider nach über 1 Jahr Pandemie sind noch immer nicht alle Gesundheitsämter an den Wochenenden besetzt und viele offensichtlich nicht in der Lage die schon lange vorhandene Software zu nutzen. Aus welchen Gründen auch immer. Das ist in meinen Augen ein Skandal. Noch schlimmer. Die Zahlen werden aber genutzt um Schulen, Einzelhandelsgeschäfte zu schließen und um Gastronomie und Kultureinrichtungen in den Ruin zu treiben.

Ich habe Ihnen im letzten Praxisintern versprochen meine Fortbildung „Pandemiestress und seine psychischen Folgen“ für Sie verständlich aufzuarbeiten. Das scheint für unsere Politiker, Virologen und die vielen selbsternannten Experten überhaupt kein Thema zu sein. Dazu gleich mehr.

Was gibt es Neues in der Praxis? Eigentlich nicht viel. Wir haben unendlich viel zu tun. Wir geben wirklich unser bestes. Aber allen können wir es leider nicht recht machen. Unsere Bewerberin auf einen Ausbildungsplatz ist zur Praktikumswoche gar nicht erst erschienen. Keine Abmeldung. Nichts. Das es anderen Praxen auch so geht beruhigt mich nicht wirklich.

Nun zu der Fortbildung von Prof. Egle (Freiburg/Zürich). Er hat mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nachweisen können dass der Start des Internet in Korrelation zu entstehenden Schäden im menschlichen Gehirn steht. Ein Gehirn muss gefordert und entwickelt werden. Lesen, Schreiben, Rechnen etc. will gelernt werden und durch tägliches Training zumindest auf dem Stand gehalten werden. Dazu sind Homeschooling und Homeoffice nur kurzfristig geeignete Alternativen.

Die Unsicherheit ist von großer Bedeutung in einer Pandemie. Man muss zwischen biologischen und psychosozialen Stressauslösern unterscheiden (Gedanken, Gefühle, Verhalten, Gewohnheiten, erlernte Reaktionen). Eine Stresssituation erhöht grob vereinfacht den Cortisonspiegel im Blut und so kommt es zur Schädigung bestimmter Bereiche im Gehirn. Die Stressempfindlichkeit bei Jugendlichen ist stark erhöht. Sie sehen eine solche Situation nicht als Herausforderung sondern als Bedrohung. Sie entwickeln eine Intoleranz für Ungewissheit. Sind Sie noch dabei? Bleiben Sie dran. Es wird noch spannender.

Interessant war das diese Ungewissheitsintoleranz mit derjenigen ihrer Mutter korreliert. Auch in der Schule fehlt die Vermittlung von Risikokompetenz. Wir lehren unsere Kinder die Mathematik der Sicherheit – Geometrie und Trigonometrie – aber nicht die Ungewissheit. Die Pädagogik – man kann darüber streiten ob es ihre Aufgabe ist – verpasst es Kinder schon in der Schule wirklich risikokompetent zu machen, also auf die Auseinandersetzung mit den alltäglichen Ungewissheiten vorzubereiten.

Je weniger ein Mensch Unsicherheit tolerieren kann desto mehr wird er auf Situationen aversiv reagieren und sie als bedrohlich erleben. Egle et al. haben folgende stressbezogene Symptombildungen in der Coronakrise besonders häufig gefunden.

Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, eingeschränkte Leistungsfähigkeit, Schlafstörungen, Ängste, sozialer Rückzug, Beziehungsprobleme. Treffen der eine oder andere Punkt auch bei Ihnen zu? Bei mir schon.

Die Symptome werden verstärkt durch Lock-down Maßnahmen, Quarantäne, soziale Isolation (Altenheime), Infektionsangst (Virologen) inadäquate Information (Internet) und Stigmatisierung (Politiker). Das Risiko für in der Kindheit stark belastete Menschen ist um ca. 240 % erhöht vor dem 65igsten Lebensjahr zu versterben. Es besteht ein wissenschaftlich nachgewiesener Zusammenhang zwischen frühen Stressfaktoren und vorzeitigem Tod (Telomerverkürzung). Die  Auffälligkeit bleibt leider lebenslang bestehen. Die fehlende Feinfühligkeit  der Hauptbezugsperson erhöht die Schmerz- und Stressempfindlichkeit. Beispiel: Mutter schiebt Kinderwagen mit Blick aufs Hand in der linken Hand. Aber was schützt uns vor Stressanfälligkeit: Ich mag es gar nicht schreiben: unser Geschlecht. Das weibliche ist weitaus besser gewappnet als das männliche. Ob der Herr Professor da etwas verwechselt hat?

Weitere entscheidende Faktoren sind laut der Egle Studie die Intelligenz, das Temperament (aktive und kontaktfreudige sind besser dran als introvertierte). Wichtig sind emotional verlässliche, feinfühlige Hauptbezugspersonen (Eltern, Großeltern etc.) Großfamilien haben Vorteile. Soziale Förderung ist ganz wichtig (Jugendgruppe, Schule, Sportverein) – fehlt in der Pandemie fast völlig. Lebenszeitlich spätere Familiengründungen wirken sich positiv aus (von wegen Kinder bis spätestens zum 25igsten Lebenjahr!). Als ganz wesentlich stellte sich auch emotional stabile Partnerbeziehung heraus.

Zum Abschluss hatte der Professor noch ein paar Tipps zur Förderung der Stressresilienz (Widerstandsfähigkei) für uns.

  1. Durchführung der Alltagsroutine (soweit möglich).
  2. Regelmäßige soziale Kontakte (Schule, gemeinsames Familienessen)
  3. Gute Selbstfürsorge (Ernährung etc.)
  4. Beibehaltung des üblichen Gesundheitsverhaltens (Sport regelmäßig und am besten Ausdauersportarten).
  5. Regelmäßige auch längere Unterbrechungen bei e-Media Nutzung (z.B. Homeroffice).
  6. Verbesserung des individuellen Kontrollerlebens durch sachbezogene Aufklärung und evidenzbasierte Schutzmaßnahmen (keine Meinungsbildung durch Emil K. aus S. bei facebook und Co.)

Ich hoffe ich habe Sie nicht gelangweilt. Für mich war die Fortbildung und die Erkenntnisse extrem spannend und leider auch schockierend weil  ich feststellen müsste, dass wir nicht wirklich  viel richtig gemacht haben in der Pandemie.

Mein Kommentar zu Werder-Bremen. Freitag im Pokal rausgeflogen. In drei Wochen wird aus der Bundesliga abgestiegen. Leider aber verdient.

Kein Praxis-Intern ohne schlaue Sprüche. Diesmal von Jean Nohain einen französischen Schauspieler im letzten Jahrhundert.

„Man hört nicht auf zu lachen, wenn man alt wird, aber man wird alt, wenn man aufhört zu lachen“.

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen dass Sie noch viel zu lachen haben

I h r  Dirk  Schlieper